Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Thomas Grundmann

Thomas Grundmann

Professor für Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Logik an der Universität Köln

Was war Ihr erster Kontakt mit der Philosophie?

Ich hatte in der Schule Philosophieunterricht. Zu meiner Zeit gab es noch keinen festen Lehrplan. Unser Lehrer konfrontierte uns einfach mit seiner Auswahl der allerschwierigsten Texte, wie Hegels Herrschaft und Knechtschaft oder Wittgensteins Tractatus. Für mich war es eine gewaltige intellektuelle Herausforderung, aus diesen rätselhaft unzugänglichen Texten irgendeinen Sinn zu machen. Aber neben aller Verwirrung und Anstrengung übte die gedankliche Kraft und Strenge schnell eine unheimliche Faszination auf mich aus. Übrigens habe ich bald angefangen, mit einem Schulfreund in der Freizeit über alle diese Dinge intensiv zu diskutieren. Heute sind wir beide Philosophieprofessoren.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich habe gerade ein Buch veröffentlicht, in dem ich dafür argumentiere, dass Laien auf Expert:innen hören sollten. Sie sollten dem Expert:innenurteil sogar auch unter vollständiger Ausschaltung ihres eigenen fachlichen Denkens folgen. Maßgeblich ist dabei die Mehrheitsmeinung der Expert:innen. Plausibilitätschecks der Laien sind danach nicht nur grob irreführend, sondern auch irrational. Das ist so, weil die Laien wissen, dass ihnen die Expert:innen intellektuell haushoch überlegen sind.

Wie erfrischend! Im Untertitel des Buches ist von den „Grenzen des kritischen Denkens“ die Rede. Wird kritisches Denken allgemein überschätzt?

Ich plädiere nicht für eine Abschaffung, sondern für die richtige Verortung des kritischen Denkens. Laien sollten die Expert:innenmeinungen nicht fachlich kritisieren. Aber sie sollten den Expert:innen auch nicht blind vertrauen. Niemand sollte einem Experten folgen, der eine Minderheitsmeinung vertritt, oder von dem herauskommt, dass er bestochen ist, dass er seine Position missbräuchlich einsetzt oder unter dem Einfluss starker kognitiver Verzerrungen urteilt. Entscheidend ist, dass Laien immer nur außerfachliche und niemals fachimmanente Kritik üben.

Da fällt mir Kant ein, der das Selberdenken lobte. Müsste Kant Ihr Gebot, sich auf epistemische Autoritäten zu verlassen, nicht schockierend finden?

Zunächst muss man mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen. Kant war kein Individualist. Er glaubte sehr wohl, dass man Wissen durch Hörensagen erwerben kann. In seinem Aufklärungsessay argumentiert er gegen politische oder religiöse Denkverbote. Allerdings sagt er auch, dass der mündige Mensch selbstdenken sollte und nicht einfach dem folgen sollte, was in Büchern steht oder was Ärzt:innen sagen. Das kann man als Ablehnung der epistemischen Autorität von Expert:innen verstehen. Man könnte es aber auch so verstehen, dass man Expert:innen keinesfalls unkritisch folgen sollte. Wenn Kant es so gemeint hat, dann könnte er sich mit meiner Position durchaus anfreunden.

Warum folgt aus Ihrer Auffassung nicht die Forderung, die Demokratie durch eine Expertokratie zu ersetzen?

Weil politische Entscheidungen über reine Tatsachenfragen hinausgehen. Sie betreffen das, was eine politische Gemeinschaft will oder was getan werden sollte. Dafür gibt es keine Expert:innen oder, soweit es sie gibt, gibt es wenigstens keinen Expert:innenkonsens. Politische Entscheidungen sollten durch Expert:innen informiert sein, aber nicht durch sie diktiert werden.

Welches Thema erhält in der Philosophie zu wenig Aufmerksamkeit?

Liebe, der eigene Tod und der Sinn des Lebens sind Phänomene, die für uns als Menschen von elementarer Bedeutung sind, die aber in der akademischen Philosophie immer noch zu wenig Beachtung finden. Diese Dinge erscheinen zu subjektiv und zu wenig rational erschließbar zu sein. Doch das ist meines Erachtens ein Mythos. Die Philosophie sollte sich zutrauen, auch diese Phänomene rational anzugehen.

Welches Vorurteil gegenüber akademischen Philosoph:innen ärgert Sie am meisten?

Dass sie langweilig, viel zu kleinteilig, wenig spektakulär und weitgehend irrelevant sei. Das hört man immer wieder von externen Kritiker:innen der akademischen Philosophie. Tatsächlich liegt dieser Eindruck vor allem an falschen Erwartungen. Wichtige Fragen lassen sich nicht im Handumdrehen seriös beantworten. Wenn man an der Wahrheit interessiert ist und nicht bloß am Effekt, dann ist der Weg der mühevollen Verwissenschaftlichung ohne Alternative.

Soll man glauben, was die Mehrheit glaubt?

Das kommt darauf an. Der französische Philosoph und Mathematiker Condorcet hat Ende des 18. Jahrhunderts bewiesen, dass Mehrheitsmeinungen mit hoher Wahrscheinlichkeit wahr sind. Das gilt allerdings nur, wenn die individuellen Meinungen unabhängig voneinander gebildet werden und jeweils überzufällig wahr sind. Für Mehrheitsmeinungen von Experten ist das der Fall.

Generell ist die Bedingung, dass einzelne Meinungen unabhängig voneinander gebildet wurden, aber oft nicht erfüllt. Es gibt doch Gruppendenken.

Richtig. Und wegen weit verbreiteter kognitiver Verzerrungen sind Mehrheitsmeinungen sogar oft überzufällig falsch. Deshalb gilt Condorcets Theoren auch nicht für Mehrheitsmeinungen im Allgemeinen. Man sollte also glauben, was die Mehrheit der Experten glaubt, aber nicht, was die Mehrheit der Bevölkerung insgesamt glaubt.

Über welches Thema würden Sie gerne einmal schreiben und warum haben Sie es bisher nicht getan?

Ich würde gerne ein Buch über die Erkenntnistheorie des Journalismus schreiben. Ich würde darin gerne Fragen nachgehen wie: Was ist die Funktion des Journalismus für die Demokratie? Was ist journalistische Objektivität und welche Rolle spielen Werte? Was sind gute journalistische Methoden? Darf man sich als Nutzer alleine auf seine Lieblingszeitung stützen? Diese und ähnliche Fragen sind in der philosophischen Diskussion kaum präsent. Ich würde das gerne ändern. Aber dazu werde ich die Zeit wohl erst nach meiner Pensionierung finden.

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