Was ich noch sagen wollte
PhilPublica stellt vor
Ansgar Beckermann
Welcher philosophische Text hat Ihr (akademisches) Leben verändert?
Jonathan Barnes The Presocratic Philosophers. Bis ich meine erste Stelle in Osnabrück als Assistent bei Andreas Kamlah antrat, war ich mit der traditionellen Philosophie nie recht warm geworden. Dann fiel mir das Buch von Barnes in die Hände. Ach so, so konnte man Philosophie also auch betreiben. Barnes versuchte, auf der oft sehr dünnen Textgrundlage für jeden Vorsokratiker die Argumente zu rekonstruieren, auf denen seine Überlegungen beruhten. Ich war sofort von dieser Suche nach Argumenten fasziniert.
Was ist Ihre déformation professionnelle?
Ich denke, eine manchmal durchaus unpassende Pedanterie. Wenn eine Person einen nicht ganz passenden Ausdruck verwendet oder sich unklar ausdrückt, fahre ich schon mal gerne dazwischen.
Ist es immer gut, vernünftig zu sein?
Ja, wenn man den richtigen Begriff von Vernunft hat. Manchmal wird die Vernunft anderem gegenübergestellt. Die Vernunft sagt, tue A, das Herz oder das Gefühl dagegen, tue B. Doch das Substantiv „Vernunft“ führt uns in die Irre. Wir sollten uns an das Adjektiv „vernünftig“ halten. Was ist vernünftig? Die einfache Antwort: Die Überzeugung oder die Handlung ist vernünftig, für die die besseren Argumente sprechen. Und das, wofür die besseren Argumente sprechen, sollte man glauben bzw. tun.
Wie halten Sie es mit der Religion?
Den Kern eigentlich jeder Religion bildet in meinen Augen die Überzeugung, dass es eine Welt übernatürlicher Wesen und Kräfte gibt, die in den Lauf der empirischen Welt eingreifen. Und bei dieser Überzeugung ist wie bei allen anderen die zentrale Frage, was für und was gegen sie spricht. In meinen Augen ist die entscheidende Tatsache, die gegen die Annahme einer übernatürlichen Welt spricht, dass es auch nicht den geringsten Beleg dafür gibt, dass Wesen aus dieser Welt zumindest manchmal in die empirische Welt eingreifen. Und wenn man darüber hinaus annimmt, dass uns diese Wesen wohlgesonnen sind, ist noch erstaunlicher, dass sie uns offenbar auch in höchster Not nicht helfen.
Ist das Ihr Haupteinwand gegen die Religion?
Ein zweiter Punkt ist mir ebenso wichtig: Alle Religionen setzen voraus, dass es immaterielle geistige Wesen gibt. Je länger man darüber nachdenkt, desto klarer wird, dass das unmöglich ist.
Was spricht gegen Philosophenkönige?
Bis ca. 1800 war das Wort „Philosophie“ so gut wie gleichbedeutend mit „Wissenschaft“. Die Frage sollte daher eher lauten: „Was spricht gegen Wissenschaftskönige?“ Und das ist eine sehr aktuelle Frage. Einige Klimaaktivist:innen rufen laut: Folgt der Wissenschaft! Sollen wir also Wissenschaftler:innen die zentralen politischen Entscheidungen überlassen? In einer Demokratie geht es meiner Meinung nach darum, bei den verschiedenen Interessen, die es in einer Gesellschaft gibt, Lösungen zu finden, mit denen möglichst viele leben können. Das ist keineswegs einfach.
Was ist das Schwierige daran?
Meiner Meinung nach sind die meisten AfD-Wähler hemmungslose Egoisten. Dass Russland die Ukraine überfällt, ist mir egal; ich will weiter billiges Gas beziehen. Die Klimaerwärmung ist mir egal; ich will weiter meinen Verbrenner fahren. Dem kann man entgegnen, dass es einem nicht egal sein kann, dass Russland die Ukraine überfällt; die Ukraine ist ein souveränes Land, und der Angriff auf ein souveränes Land ist eine eklatante Völkerrechtsverletzung. Auch die Klimaerwärmung sollte einem nicht egal sein; denn sie wird dazu führen, dass in weiten Teilen der Erde menschliches Leben nicht mehr möglich ist.
Kann die Wissenschaft hier helfen?
Ich denke nicht. Wenn jemand den Klimawandel leugnet, kann man ihm mit wissenschaftlich gesicherten Fakten widersprechen. Aber wenn er sagt, der Klimawandel ist mir egal, ich will weiter so leben wie bisher, hilft keine Wissenschaft. Dann geht es darum, welche Interessen man hat. Und auch darum, welche Interessen man haben und auch nicht haben sollte.
Warum schreiben Sie für die außerakademische Öffentlichkeit?
Akademische Philosoph*innen sind wie alle anderen universitären Wissenschaftler*innen in der Regel recht gut bezahlte Angestellte des Staates. Deshalb haben in meinen Augen die Bürger das Recht zu erfahren, was die von ihnen bezahlten Wissenschaftler*innen so treiben. Was die Themen sind, mit denen sie sich beschäftigen, was im jeweiligen Fach gerade aktuell ist und welche Fortschritte es gibt.
Welche:n Philosoph:in hätten Sie gerne privat gekannt/würden Sie gerne privat kennenlernen und warum?
Carl Gustav Hempel. Hempel hat nicht nur zentrale Beiträge zu wichtigen philosophischen Diskussionen geliefert. Er hat auch immer vorbildlich klar geschrieben. Und er hatte eine tadellose politische Haltung – von Beginn an ein dezidierter Nazi-Gegner. Darüber hinaus hat Hempel mit seinen Arbeiten zum Thema „Wissenschaftliche Erklärungen“ meinen Weg in die Philosophie entscheidend mitbeeinflusst.
Könnten Sie jemanden küssen, der Philosophen für Schwätzer hält?
Ja.