Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Sidonie Kellerer

Sidonie Kellerer

Postdoc Fellow am Philosophischen Seminar der Universität Köln

Was war Ihr erster Kontakt mit der Philosophie?

Als ich mich als Kind eines Tages so unvermittelt wie verwundert fragte, weshalb ich ausgerechnet meiner selbst bzw. dem, was ich als ‚Ich‘ empfinde, bewusst bin; weshalb ich gerade jetzt lebe, in gerade dieser Epoche der Geschichte der Menschheit.

Was würden Sie gern besser können?

Geduld und Zuversicht. Zuversicht vor allem in die Fähigkeit der Menschheit, ihre Entwicklung und Geschicke im Sinne des Gemeinwohls zu bestimmen.

Was ist Ihre déformation professionnelle?

Die Tendenz, oft auch in Situationen zu reflektieren und zu theoretisieren, in denen es nicht erforderlich und manchmal auch gar nicht besonders zuträglich ist.

Was können wir aus der Philosophiegeschichte lernen?

Dass der Eindruck der Zeitlosigkeit und auch der Losgelöstheit unserer menschlichen Vernunft aus den natürlichen Zusammenhängen eine tiefsitzende und schädliche Illusion ist. Wir sind durch und durch Produkt der Natur und der Geschichte und vergessen aber insbesondere die Rolle unserer Geschichtlichkeit.

Warum schreiben Sie für die außerakademische Öffentlichkeit?

Spezialistische und kleinteilige Debatten sind unverzichtbar für den wissenschaftlichen Fortschritt, aber es ist ebenso wichtig, den Wald vor lauter Bäumen nicht aus dem Blick zu verlieren. Vermittlung hilft dabei, sich an diese grundlegenden Fragen zu erinnern und sie in möglichst einfachen Worten zu erklären. Sie dient also der Selbstverständigung. Die Wissenschaft dient darüber hinaus der Gemeinschaft und auch deshalb finde ich den Anspruch der interessierten Öffentlichkeit legitim, verstehen zu wollen, was die Wissenschaftler tun.

Damit meinen Sie auch die Wissenschaft namens Philosophie?

Ja. Nach meiner Erfahrung besteht eine besondere Schwierigkeit der interessierten Öffentlichkeit, sich vorzustellen, worin beruflich betriebene Philosophie besteht. Umso wichtiger, als Philosophin auch für die außerakademische Öffentlichkeit zu schreiben und zu verdeutlichen, warum es der professionell betriebenen Philosophie bedarf.

Worauf kommt es Ihrer Ansicht nach besonders an, wenn man für die Öffentlichkeit schreibt?

Selbst noch so komplexe Zusammenhänge so zu formulieren, dass auch Nicht-Spezialistinnen sie verstehen können. Das scheint mir in der Philosophie noch wichtiger zu sein als anderswo, denn ich meine, die Philosophie ist der Gefahr des Jargons in hohem Maße ausgesetzt.

Was fänden Sie schlimmer: nie wieder schreiben oder nie wieder diskutieren zu können?

Eine schwierige Alternative! Aber wenn’s nicht anders ginge: ersteres, denn ich könnte nicht auf den Selbstverständigungsgewinn verzichten, den vor allem die Arbeit am sorgfältig durchdachten, präzisen Gedankenausdruck ermöglicht.

Welche philosophische Auffassung, von der Sie einmal überzeugt waren, haben Sie aufgegeben?

Dass es genügt, die Dinge zu verstehen, sachlich zu erklären und zu diskutieren, um sich zwischenmenschlich zu verständigen und auf der Grundlage gemeinsamer Einsichten vernünftig zu handeln. Es steckt einfach viel mehr Unvernunft in uns und unseren naturwüchsig entstandenen sozialen Strukturen als gemeinhin angenommen.

Wäre Philosophie in einer idealen Welt überflüssig?

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall.

Können Sie das näher erklären? Nehmen wir einmal an, eine ideale Welt wäre eine, in der alle Bedürfnisse erfüllt sind. Was wäre in einer solchen Welt die Rolle der Philosophie?

Ich sehe nicht, dass In einer solchen Welt alle Bedürfnisse an ein Ende kämen, denn beispielsweise „solche Fragen wie die, was das Leben sei, sind unausrottbar“ wie es Hans Blumenberg einmal formulierte. Die Sicherung sogenannter Grundbedürfnisse für alle wäre die Voraussetzung dafür, dass insbesondere das Bedürfnis, die Welt, in der wir leben, zu verstehen, zu ungehemmter Entfaltung käme. Es entstünde in meinen Augen eine ganz neue Synergie zwischen den Einzelwissenschaften und der Philosophie.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich beende ein Buch, in dem ich zusammenfasse, weshalb ein derart aufklärungs- und wissenschaftsfeindlicher Ideologe wie Heidegger zu einem Klassiker der Philosophie werden konnte. Darüber hinaus arbeite ich an einer Hermeneutik der indirekten Ausdrucksweise und befasse mich in diesem Zusammenhang besonders mit rechtsradikalen Techniken des Dog Whistlings, d.h. einer Ausdrucksweise, die der Logik der plausible deniability folgt.

Eine schwierige Frage zum Schluss – und zugleich eine kleine Fingerübung in Wissenschaftskommunikation: Können Sie die Hauptthese Ihres Heidegger-Buches in 280 Zeichen zusammenfassen?

Heidegger beweist große Kunst darin, von der vernunftfeindlichen Verfasstheit seines Denkens abzulenken. Er verwendet indirekte Sprache und hat später seine Texte retuschiert, um ihren ideologischen Charakter zu verhüllen. Im Ergebnis hat er heute einen Platz im philosophischen Kanon, den er nicht verdient.

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