Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Sebastian Ostritsch

Sebastian Ostritsch

Privatdozent für Philosophie an der Universität Heidelberg

Was ist Ihre erste Erinnerung an einen philosophischen Gedanken?

Es war eher ein philosophisches Erlebnis. Ich kann ich mich noch gut erinnern: Ich war Grundschüler. Eines Morgens stand ich auf, setze mich an den Frühstückstisch und plötzlich überkam mich der wundersame Gedanke, der von einem Gefühl kaum zu trennen war, dass ich hier gerade sitze. Also: dass es mich überhaupt gibt, dass ich ich bin und dass ich jetzt gerade hier bin.

Woran arbeiten Sie gerade?

Gerade bringe ich ein mehrjähriges Projekt zur Ethik der Computerspiele zu Ende. Mein dazugehöriges Buch Let’s Play oder Game Over? ist dieses Jahr bei dtv erschienen Außerdem habe ich meine Habilitationsschrift über Zeit und Ewigkeit fertiggestellt und bereite nun die Drucklegung vor. Als nächstes möchte ich mich mit der Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik im Kontext des Böckenförde-Diktums beschäftigen.

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Können Sie etwas mehr dazu sagen?

Ja. Böckenförde lässt sich dahingehend deuten, dass die liberale Demokratie sich mit ihrem Werte- und Weltanschauungspluralismus nicht selbst tragen kann. Sie baut vielmehr auf ganz spezifischen Überzeugungen auf, und zwar insbesondere religiösen, oder noch genauer: christlichen. Mich interessiert also, kurz gesagt, der Gedanke einer transzendenten Verankerung der rechtsstaatlichen Ordnung.

Wie halten Sie es denn selbst mit der Religion?

Als Kind war ich nominell katholisch, als Jugendlicher wurde ich Agnostiker und habe dann als Student die Kirche verlassen. Gott hat aber nicht locker gelassen. So bin ich vor ein paar Jahren zum Katholizismus revertiert.

Was stört Sie an der akademischen Philosophie?

Da gibt es so einiges. Um nur zwei Dinge zu nennen: Die Verschulung und der damit einhergehende kontinuierliche Niveauverfall in der Lehre seit den Bologna-Reformen. Die unter Studenten aber auch Kollegen grassierende „woke“ Empörungsunkultur.

Warum schreiben Sie für die außerakademische Öffentlichkeit?

Um gelesen zu werden.

Der Wert welches philosophischen Arguments ist Ihnen erst spät aufgegangen?

Die klassischen Argumente für die Existenz Gottes sind viel stärker, als man gemeinhin in der akademischen Philosophie annimmt. Auf jeden Fall lassen sie sich nicht mit der pauschalen Berufung auf Kant aushebeln.

Könnten Sie eine Person küssen, die Philosophen für Schwätzer hält?

Meine Frau würde sich beschweren, wenn ich es nicht täte.

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