Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Arnd Pollmann

Arnd Pollmann

Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin  

Was ist Ihre philosophische Lieblingsanekdote?

Eines Tages, als Aristoteles gerade zu Mittag isst, klopft jemand an seiner Haustür: „Du musst sofort mitkommen“, sagt der Freund, „auf der Agora läuft jemand herum, der gerade fürchterlich über dich herzieht!“. Daraufhin soll Aristoteles einfach weitergekaut und gesagt haben: „Solange ich nicht dabei bin, kann er mich ruhig auch verprügeln!“. 

Was würden Sie gern besser können?

Nun, genau das, was Aristoteles in dieser Anekdote an den Tag legt. So sehr ich den philosophischen Stoizismus bewundere, von dem sich offenbar auch Aristoteles eine Scheibe abgeschnitten hat, so selten gelingt es mir doch, zu ärgerlichen Dingen auf „achtsame“ Distanz zu gehen. 

Was stört Sie an der akademischen Philosophie?

Bestimmt kennen Sie dieses berühmte Raffael-Gemälde namens „Die Schule von Athen“, das früher in der Küche jeder ambitionierten Philosophie-WG hing: Platon und Aristoteles kommen die Treppe herunter. Sie sind die beiden Einzigen auf dem Bild, die wirklich miteinander einen verständigungsorientierten Dialog zu führen scheinen. Der Rest der Akademie liegt Ihnen entweder zu Füßen, verhält sich demonstrativ ignorant oder ist gerade selbst mit Schulbildung beschäftigt. Und insgesamt wirkt die Szenerie doch etwas freudlos.

Ist es immer gut, vernünftig zu sein?

Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?

Hilft Expertise in Ethik, ein besserer Mensch zu werden?

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Familie das bestätigen würde. Zumindest aber muss ich als Ethiker mir selbst gegenüber höhere Ansprüche haben als anderen gegenüber. Einer Zahnärztin mit schlechten Zähnen oder einem Friseur mit schrecklicher Frisur würde man schließlich auch nicht vertrauen.

Warum schreiben Sie für die außerakademische Öffentlichkeit?

Es macht einfach großen Spaß, auch mal mehr als nur drei Leser:innen zu haben. Zudem finde ich, dass, wer in der Wissenschaft arbeitet und öffentlich alimentiert wird, ruhig auch etwas zurückgeben darf. Man muss das natürlich nicht so sehen, aber ich persönlich fühle mich sogar verpflichtet, die Öffentlichkeit an meiner Arbeit teilhaben zu lassen. Und noch einmal zurück zur „Schule von Athen“: Platon zeigt in den Himmel, in Richtung der Ideen, Aristoteles zu Boden, dorthin, wo das wirkliche Leben spielt. Dieser Fingerzeig down to earth ist mir schon wichtig. 

Ist die Philosophie eine Wissenschaft?

Sokrates, Rousseau, Nietzsche oder Simone de Beauvoir, das sind einflussreiche, ja, großartige Philosoph:innen. Aber Wissenschaftler:innen? Da gibt es offenbar einen nicht ganz selbstverständlichen Unterschied. Trotzdem kann man auch die Philosophie als Wissenschaft betreiben. Und auch im Studium wird nicht einfach „rumphilosophiert“, sondern im gelingenden Fall ein wissenschaftliches Ethos erworben: traditionsbewusst, kritisch, systematisch, theoriegeleitet, methodisch nachvollziehbar, revisionsoffen, anschaulich, anschlussfähig, redlich usw. Es kommt also darauf an, wie wir miteinander philosophieren. 

Welche philosophische Auffassung, von der Sie einmal überzeugt waren, haben Sie aufgegeben?

Dass es das Böse gar nicht gibt, und dass es beim guten Leben zuvorderst um das glückliche Leben geht. 

Ihr Lebensmotto?

Jede Medaille hat zwei Seiten – und einen Rand, an dem sie beide ineinander übergehen.
 

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