Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Olivia Mitscherlich-Schönherr

Olivia Mitscherlich-Schönherr

Dozentin für Philosophische Anthropologie an der Hochschule für Philosophie München  

Was ist Ihr Lieblingszitat?

„Ich glaube, auf das, wonach ihr jetzt fragt, nicht unvorbereitet zu sein.“
Mit diesem enigmatischen Anfangssatz beginnt Platon im Symposion die Darstellung eines intergenerationalen Philosophierens: eines Philosophierens, in dem Philosophierende verschiedener Generationen einander beim Erkennen des Guten unterstützen bzw. vorbereiten. Zugleich wendet sich Platon mit diesem Satz – durch den Mund eines alter ego – aber auch an seine Leser_innen: um sie über räumliche und zeitliche Entfernungen hinweg in einen philosophischen Dialog hineinzuziehen.

Welcher Text hat Ihr Leben verändert?

Das Symposion hat mein Leben in dem Augenblick verändert, als ich verstanden habe, dass Platon mich durch diesen Text hindurch direkt anspricht – da er auf mich als besondere Person angewiesen ist, um die Praxis eines intergenerationalen Philosophierens auszuüben.

Welches Thema erhält in der Philosophie zu wenig Aufmerksamkeit?

Anders als in der Antike wird der Dialog in der Gegenwart kaum als Darstellungsform und Methode ernsthaften Philosophierens praktiziert. Meist wird er nur als eine populärphilosophische Form der Darstellung aufgefasst: um Erkenntnisse für ein breites Publikum aufzubereiten, die von ‚einsamen Denkern‘ erreicht wurden und genauso gut oder besser in Form von Traktaten hätten dargestellt werden können.
Diese Unterschätzung des Dialogs spiegelt sich auch im vorliegenden ‚Interview‘ wider, in dem ich in einem technischen Sinne auf das vorbereitet war, „wonach ihr jetzt fragt“: habe ich meine Interviewfragen doch selbst aus einem Katalog etlicher Fragen auswählen sollen. In meinem Selbstinterview, das sich nur den Anschein eines Gesprächs gibt, sind freilich das Unvorhersehbare und die Eigendynamik eines echten Dialogs getilgt.
Durch die fehlende Kultivierung des Dialogs nehmen wir uns in der Moderne Möglichkeiten eines pluralistischen, philosophischen Erkennens – insbesondere eines Philosophierens in Freundschaft, von dem das Symposion berichtet.

Was ist Ihre Definition von Philosophie?

Ich kann Philosophie nicht definieren, aber das Verständnis des Philosophierens explizit machen, dem ich verpflichtet bin. Es ist ein Philosophieren, das inmitten des Lebens ausgeübt wird und das nicht darin aufgeht, Theorien aufzustellen, sondern zugleich eine transformierende Praxis darstellt. Es setzt Lernprozesse frei, indem es – mit Hilfe von Begriffsanalysen und Phänomenerhellungen – defizitäre Praktiken der individuellen oder gesamtgesellschaftlichen Lebensgestaltung reflektiert und kritisiert. Solch einem transformativen Philosophieren käme eine Kultivierung des philosophischen Dialogs zugute.

Warum schreiben Sie für die außerakademische Öffentlichkeit?

Beim Durchlaufen von gesamtgesellschaftlichen Lernprozessen sind Akademie und öffentlicher ‚Marktplatz‘ aufeinander angewiesen. Professionell Philosophierende können Widersprüche sozialer Praktiken sichtbar machen und kritisieren; umgekehrt können die Anfragen aus der Öffentlichkeit die „Philosophen von Profession“ vor leerlaufenden intellektuellen Spiegelfechtereien bewahren.

Was ich noch sagen wollte:

Mein stilisiertes Selbstinterview habe ich als Auseinandersetzung mit dem Anliegen von PhilPublica angelegt: Ihnen, den Leser_innen dieser Zeilen, Verständnis von den Personen ‚hinter‘ philosophischen Texten zu vermitteln.
Die Auffassung, die das Netzportal implizit in Anspruch nimmt, teile ich nicht: dass monologische Texte, indem sie biographische Themen zum Gegenstand haben, ein besseres Verständnis der Personen ‚hinter‘ ihren Texten vermitteln können als andere philosophische Texte. Alle philosophischen Texte bringen bestimmte Aspekte der schreibenden Person zum Verständnis. In anderen Texten zeige ich mich u. a. in meinen Haltungen zum Sterben, im vorliegenden Selbstinterview in meinen dialogischen Überzeugungen. 
Dialogisches Miteinander-Sprechen wäre solchen monologischen Selbstdarstellungen überlegen. Deshalb verbinde ich mein Interview mit der Bitte an Sie, mir zu antworten. In echten philosophischen Dialogen könnten wir einander als die besonderen Philosophierenden besser verstehen lernen, die wir sind. Aber dafür müssten Sie freilich Ihrerseits das Wort ergreifen.
 

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