Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Daniel James

Daniel James

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Woran arbeiten Sie gerade?

Zum einen verfolge ich das Projekt „Rasse: Zur Aushandlung eines belasteten deutschen Ausdrucks“. Das mache ich gemeinsam mit Leda Berio und Benedikt Kenyah-Damptey im Rahmen der ‚Bürgeruniversität Düsseldorf‘, die Forschungsprojekte mit Bürger:innenbeteiligung fördert. Wir untersuchen mit Mitteln der experimentellen Philosophie, was an dem Ausdruck ‚Rasse‘ das eigentümlich deutsche Unbehagen ihm gegenüber am besten erklärt: Bedeuten ‚Rasse‘ und ‚race‘ Unterschiedliches oder haben die verschiedenen Einstellungen, die wir den Ausdrücken gegenüber haben, eher mit ihren nicht-semantischen Wirkungen zu tun? Ausgehend hiervon diskutieren wir dann unter Beteiligung von Stakeholders aus der organisierten Zivilgesellschaft, was für und gegen die Bewahrung, die Abschaffung oder Ersetzung dieses Begriffs spricht.

Sie arbeiten aber auch über Hegel, oder?

Genau. Gemeinsam mit Franz Knappik verfolge ich das Projekt „Hegel (anti)kolonial“. Wir untersuchen, wie dem Augenschein nach rassistische oder kolonialapologetische Elemente von Hegels Philosophie mit deren Kernelementen zusammenhängen. Uns interessiert dabei auch, wie er sich in den intellektuellen Kontroversen seiner Zeit über den europäischen Kolonialismus und die Sklaverei verortet. Diese Untersuchung kontrastieren wir mit einer Diskussion seines Einflusses auf antirassistische und antikoloniale Denktraditionen in den USA und der Karibik.

Welche:r Philosoph:in sollte mehr gelesen werden? 

W.E.B. Du Bois, gerade hierzulande! Insbesondere für Leute, die sich für die klassische deutsche Philosophie interessieren, lohnt sich die Auseinandersetzung mit seinem Werk. Denn es lassen sich klare Verbindungslinien von klassischen deutschen Philosophen wie Herder, Hegel und Marx, aber ebenso von Weber, Dilthey und Schmoller hin zu Du Bois ziehen. Als Sozialwissenschaftler und Schriftsteller wird er zwar auch hierzulande rezipiert; der philosophische Gehalt seiner Arbeiten wird allerdings weniger diskutiert. Dies hat auch mit einem allzu engen Verständnis dessen zu tun, was als ‚philosophischer‘ Text und folglich als Teil des philosophischen Kanons anzusehen ist. Dabei gibt es so viele philosophische Fragen, zu denen er Interessantes zu sagen hat! 

Was können wir aus der Philosophiegeschichte lernen? 

So vieles! So kann sich in gegenwärtigen Debatten der Raum vertretbarer Positionen aus leicht verengen, weil wir philosophische Optionen ‚vergessen‘ oder verdrängen. Oder wir übernehmen Annahmen unhinterfragt aus der Tradition, ohne zu reflektieren, warum sie überhaupt Teil derselben geworden sind. Oder wir übersehen aufgrund der zusehends arbeits- und kleinteilige Behandlung philosophischer Fragen wichtige Zusammenhänge zwischen ihnen. Die Philosophiegeschichtsschreibung kann helfen, all diese Mängel zu beheben.

Öffentliche Debatten über die Begriffe der Rasse und des Rassismus sind herausfordernd. Was macht sie aus Ihrer Sicht besonders?

Nun, es handelt sich bei den Begriffen der ‚Rasse“ und des ‚Rassismus‘ um umkämpfte Begriffe, die nicht lediglich Tatsachenfragen zum Gegenstand haben. Gestritten wird auch darüber, wie diese Begriffe aufzufassen sind. Dieser Streit verschärft sich, wenn unsere jeweiligen Auffassungen unvereinbaren Zielen dienen sollen, die selbst wiederum zum Streitpunkt werden. Wir reden leicht aneinander vorbei, wenn wir aufgrund unterschiedlicher Ziele verschiedene Auffassungen eines Begriffs aushandeln. Philosoph:innen sind vor solchem Streit um Worte nicht gefeit.

Was kann denn die Philosophie zu solchen Kontroversen beitragen?

Sie stattet uns mit Mitteln aus, die zu entwirren erlauben, was in solchem Streit auf dem Spiel steht. Mich interessiert dabei: Was geht verloren, wenn wir den Begriff der ‚Rasse‘ eliminieren? Was für andere Begriffe könnten ihn ersetzen, insbesondere in der empirischen Untersuchung von Diskriminierung aufgrund der ‚Rasse‘? Unser Unbehagen diesem Ausdruck gegenüber erschwert die Beantwortung solcher Fragen. Mit unseren Beiträgen zur öffentlichen Debatte wollen wir verständlich machen, warum diese Begriffe so umkämpft sind und dadurch ihre gesellschaftliche Aushandlung voranbringen.
 

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